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Wer in diesen Wochen Hamburgs Erster Bürgermeister begleitet, erlebt einen tiefenentspannten Politiker:

Egal ob beim langatmigen Bürgergespräch im Problemstadtteil, während hochemotionaler Bürgerschaftsdebatten oder im Austausch mit hartgesottenen Verbandsvertretern – Peter Tschentscher hört in aller Ruhe zu, stellt kundige Nachfragen, weiß rasch abzurufen, was sein rot-grüner Senat zu diesem Problemkreis geplant und zu jenem sogar schon umgesetzt hat. „Er ist in seinem Amt angekommen“, sagte ein enger Begleiter aus dem Rathaus über den 53jährigen Labormediziner. Auch politische Gegner aus der Bürgerschaft würden da nicht widersprechen.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher "tiefenentspannt". Foto: Ronald SawatzkiDas war vor Jahresfrist nicht absehbar: Als der vormalige Finanzsenator nur wegen des Verzichts des eigentlich favorisierten SPD-Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel Ende März 2018 zum Senatschef aufstieg, fürchteten viele Tschentschers Scheitern. Zu groß könnten die Schuhe des mit allen Wassern gewaschenen Amtsvorgängers Olaf Scholz sein, zu zurückhaltend wirkte der Auftritt des eher leisen Arztes.

Zwölf Monate später hat der sich zwar nicht zum charismatischen Volkstribunen entwickelt, gerade Reden vor größerem Publikum liest Tschentscher nach wie vor meist hölzern ab. Was ihm gleichwohl wachsende Bekanntheit und Beliebtheit in der Hansestadt verschafft hat, sind die massenhaft absolvierten Auftritte mit der Attitüde des entspannten Landesvaters. Sowas schätzt das nüchterne Wahlvolk zwischen Alster und Elbe. Genützt hat Tschentscher außerdem die Tatsache, dass er schlicht keinen Herausforderer hatte.
Letzteres hat sich nun mit der offiziellen Proklamation des CDU-Bundestagsabgeordneten Marcus Weinberg zum Bürgermeisterkandidaten der Union geändert: Der 52jährige Familienpolitiker ist zwar so wenig ein mitreißender Redner wie der Bürgermeister, steht auch sonst nicht für große Politikentwürfe oder markige Sprüche sondern eher für akribische Sacharbeit. Aber im größer werdenden Feld des versonnen-zuhörenden Politikertyps á la Habeck & Co könnte Weinberg als schwarzer Neuzugang mit grün-linksliberalen Anknüpfungspunkten glänzen – nicht ganz ungefährlich für Tschentscher und seine Elb-SPD.

Die Genossen werden im Angesicht von Umfragewerten um die 30 Prozent ohnehin immer nervöser, fürchten bei der Wahl im nächsten Februar einen Verlust von bis zu zwei Dutzend ihrer bisher 59 Sitze in der Bürgerschaft. Selbst ein Vorbeiziehen der bei über 20 Prozent taxierten Grünen an der SPD schließen Demoskopen angesichts des stabilen Bundestrends nicht aus. Das zöge eine Erster Bürgermeisterin Katarina Fegebank nach sich – die smart alle Konflikte wegmoderierende junge Mutter als Seniorchefin, jahrzehntelang machtgewohnte Sozial-demokraten als Juniorpartner im Rathaus, ein Albtraum für die SPD.

An der Stelle kommt die Hamburger FDP ins Spiel, die sich in acht Jahren fleißiger Oppositionsarbeit einen guten Ruf und stabile Umfragewerte zwischen sieben und neun Prozent erarbeitet hat: Sollte es für Rot-Grün oder Grün-Rot genauso wenig reichen wie für Schwarz-Grün, wären die Elbliberalen das Zünglein an der Waage. Mit der profilierten Rechts- und Bildungspolitikerin Anna von Treuenfels-Frowein wie mit dem fachkundigen Wirtschaftspolitiker Michael Kruse ständen gleich zwei führende FDP’ler bereit, um in einen Ampel- oder Jamaika-Senat einzuziehen. Davor müssen die Elbliberalen nur bald mal klären, wer von den beiden Doppel-Fraktionsvorsitzenden die Wahlkampfspitze übernimmt oder ob sie das nach grünem Beispiel gemeinsam tun.

Abwarten wird man dazu jedenfalls noch die Europawahlen Ende Mai, die sich in Hamburg mit der Neuwahl der sieben Bezirksversammlungen kombinieren. Sollten sich Vorhersagen bewahrheiten, nach denen dabei schwache SPD-Werte selbst von kräftigen grünen Zuwächsen nicht ausgeglichen werden, könnten Jamaika- oder Ampel-Koalitionen schon mal regional erprobt werden. Und die Bürger würden erleben, was etwa in Bremen oder Brandenburg, wo in diesem Jahr auch Landesparlamente gewählt werden, gar nicht mehr als ausgemacht gelten darf: Dass die Extremisten von links und rechts für Koalitionen an der Elbe nicht in Frage kommen.
Weder würde die mehrheitlich rechts ausgerichtete Elb-SPD mit den Linken fest zusammenarbeiten wollen, noch liebäugelt die Hamburger CDU mit einer AfD-Kooperation. Weswegen die Antwort auf die Frage, wer die Randparteien anführt und was sie im Kern wollen, so recht auch niemanden zwischen Bergedorf und Blankenese interessiert – Protestwähler ausgenommen.
Stammwähler mobilisieren, die eher konservativ tickenden Scholz-Wähler aus vergangenen Jahren so weit wie möglich halten und mit Peter Tschentschers überraschend schnell gewachsenem Ansehen punkten – das wird die Wahlkampftaktik der Hamburger SPD bis zur Bürger-schaftswahl 2020 sein. Das einzige, was Peter Tschentscher dabei noch so richtig die Tiefenentspannung nehmen könnte, wäre ein Ende der GroKo in Berlin: Für die unkalkulierbaren Folgen einer vorgezogenen Bundestagswahl oder eines Verweises der Bundes-SPD auf harte Oppositionsbänke gegenüber einer Jamaika-Bundesregierung dürfte auch Labormediziner Dr. Tschentscher kein Rezept haben.

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