Einsame Zweisamkeit

Neulich auf einem Hamburg-Uhlenhorster Wochenmarkt: „Was machen den die Plakate hier?“, fragt eine ältere Dame den Gemüsehöker. „Is‘ bald wieder Wahl“, antwortet der gefragte Markthändler knapp. Zügig packt er Lauchzwiebeln in eine Recycling-Papiertüte. „Ach so“, sagt die Frau, nimmt das Gemüse, wirft noch einen Blick auf das saturierte Lächeln des Bürgerschaftspolitikers vom Parteiaufsteller und geht achselzuckend davon.

Die Szene, beobachtet am bürgerlich-trendigen Goldbekufer zwischen Stadtpark und Außenalster, wirft ein Schlaglicht auf den beginnenden Bürgerschaftswahlkampf in der Hansestadt: Langsam, nur sehr langsam nehmen die Kampagnen der Parteien Fahrt auf. Offenbar sehr wenige Bürger haben schon realisiert, dass sie spätestens in sechs Wochen wieder vor riesigen Wahllisten stehen und bis zu 10 Kreuze für Wahlkreis- und Landeslisten-Kandidaten der Parteien verteilen dürfen.

Maue Stimmung

„Das dümpelt noch etwas vor sich hin, weil wir erst einen Monat vor dem Wahltermin am 23. Februar richtig breit in der ganzen Stadt plakatieren dürfen und täglich irgendwo Veranstaltungen durchführen“, begründet ein Wahlkampfmanager die schwache Wahl-Begeisterung. Das allein dürfte jedoch nicht der einzige Grund für die maue Stimmung sein. Es ist wohl auch die Umfragelage, die viele Hamburger und vor allem zahlreiche Politikjournalisten zu der voreiligen Einschätzung bringt: Es geht ja bestenfalls um Peter Tschentscher oder Katharina Fegebank im Amt des Ersten Bürgermeisters.

Auf den ersten Blick geben die Zahlen der Demoskopen diese Deutung her: Die SPD bei knapp unter 30 Prozent, die Grünen bei Mitte 20, das sieht nach anhaltend satter Mehrheit für Rot-Grün in Hamburg aus. Nur der Spitzenplatz könnte sich noch ändern – etwa wenn die SPD-Führung dank ständig neuer Besteuerungsvorschläge des ungelenken neuen Vorsitzenden-Duos Walter-Borjans/Esken noch mehr Berliner Gegenwind für die Hamburger produziert. Oder wenn die Grünen trotz abflauender Klimadebatte und sinkender Umfragewerte mit viel Wohlfühl-Wahlkampf doch wieder etwas aufholen. Doch dafür spricht wenig: Dier SPD dümpelt bundesweit jetzt schon knapp über der Zehn-Prozent-Grenze, unterhalb ihres langjährigen Stammwählerpotentials, sagen Wahlforscher. Und so wie die Zahl der Fridays-for-Future Demonstranten drastisch gesunken ist, dürften auch die grünen Umfragewerte im Laufe des Winters wohl weiter zurückgehen.

Bündnis steht auf der Kipppe

Und darin liegt die eigentliche Botschaft der demoskopischen Momentaufnahme – eine Botschaft, die durchaus politischem Sprengstoff enthält: Egal ob Rot-Grün oder Grün-Rot, bei genauerer Analyse der Zahlen steht das Bündnis in Wahrheit längst auf der Kippe. Noch bei der letzten Bürgerschaftswahl kamen beide Parteien zusammen auf fast 58 Prozent, jetzt rangieren sie gerade noch über 50 Prozent. Sollten bis zum 23. Februar noch mehr einstige Scholz-Wähler den Weg zu Union oder FDP finden und würde die Linke noch etwas vom grün-bürgerlichen Wählerpotential abziehen – schon wäre die angestammte Mehrheit ab etwa 48 Prozent dahin.

Genau darauf setzen die Oppositionsparteien: Beim Neujahrsempfang im Rathaus überreichte  der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll dem verdutzen Bürgermeister-Duo ein Hase-Igel-Spiel. Abseits solcher Gags tut sich die Elbunion allerdings ausweislich stagnierender Umfragewerte schwer, per Aufholjagd das 16-Prozent-Ghetto des letzten Wahlergebnisses zu verlassen: Der blasse Spitzenkandidat Marcus Weinberg, einer der Architekten der gescheiterten schwarz-grünen Bündnisses unter den CDU-Bürgermeistern von Beust/Ahlhaus, tritt öffentlich kaum in Erscheinung. Und wenn, dann mit grün eingefärbten Freundlichkeitsadressen an die „liebe Katharina“. Als Bundestagsabgeordneter arbeitet er viel in Berlin. Als Wahlkampfzugpferd ist ihm bisher nur der Unions-Slogan „Für eine zusammenwachsende Stadt“ eingefallen, über dem der gelernte Lehrer mit gesenktem Haupt brav vom Plakat blickt  – „zum Einschlafen“ sagen selbst enge Parteifreunde aus Hamburg-Altona.

"Die Mitte lebt"

Mutiger gibt sich da die Hamburger FDP: Mit derzeit sieben Prozent wird sie in Umfragen  ziemlich exakt bei ihrem letzten Wahlergebnis notiert. Nach Jahrzehnten des wiederkehrenden Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde und im Vergleich zu den Zwei-Prozent-Umfrage-Werten kurz vor der letzten Bürgerschaftswahl werten Beobachter das als stabile Grundlage für den heißen Wahlkampf. Und der ist bei den Liberalen couragiert angelegt: „Die Mitte lebt“ hat Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels ihre Kampagne überschrieben. Die selbstbewußte Volljuristin will so ihren Anspruch unterstreichen, die Rechtsstaats- und Wirtschafts-orientierte Politik der liberalen Mitte von der Bürgerschafts- auf die Senatsseite des Rathauses zu tragen. In lässig-weißen Sneakern fordert sie das digitale Klassenzimmer, in trendschwarzer Lederjacke verlangt sie mit strengem Blick, dass der Rechtsstaat sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen solle – eine  Hingucker-Kampagne, die mit einer erstmals in allen Bezirken engagierten Landespartei und etwas Rückenwind aus Berlin zum anvisiert zweistelligen Erfolg führen könnte.

Echter Wechsel oder Weiter so

Mit einer halbwegs stabilen CDU und Grünen oder SPD um die 25 Prozent würde das für ein Dreierbündnis á la Jamaika- oder Deutschland-Koalition reichen. Voraussetzung dafür wäre aber wohl die gebrochene Rot-Grüne Mehrheit: Trotz aller Rempeleien zwischen den Koalitionsparteien scheint das alte Bündnis immer noch ihre erste Priorität. „Lieber in Zweisamkeit einsam als  im Dreier unter Dauerstress“, raunt ein erfahrener Rathaus-Sozialdemokrat dieser Tage.

Die Wähler werden sich zwischen echtem Wechsel oder Weiter-so-unter-wem-auch-immer entscheiden müssen.                                               

Weitere Beiträge

  • IHK-Realsteueratlas 2019 „Jede fünfte Kommune erhöht die Gewerbesteuer, jede vierte die Grundsteuer“ Einer Umfrage der IHK Schleswig-Holstein zufolge erhöhten 20 Prozent der Gemeinde...
  • Digital, alternativ, risikoorientiert Wie der Mittelstand anlegt. Neue Forsa-Studie zum Finanzanlageverhalten des Mittelstands Die Europäischen Zentralbank stellt den Mittelstand vor enorme Herau...
  • Nachhaltigkeit : „Balance Logistics“ Ziel der HHLA: Bis 2040 klimaneutrales Unternehmen Der Container Terminal Altenwerder (CTA) wurde 2019 als weltweit erste klimaneutrale Umschlaganlage für C...


Anzeige

Neben Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung sind das Immobilienmanagement sowie das Standortmanagement und -marketing Themen

_____________________________

Kooperationspartner

 

_____________________

 

_________________________

 

Überblick

Nordwirtschaft - Metropolregion Hamburg

bündelt die Kompetenzen der  Wirtschaftsakteure Norddeutschlands!
Die Website von NORD WIRTSCHAFT ist DIE digitale Informationsplattform von NORD WIRTSCHAFT Unabhängige Wirtschaftszeitung für die Metropolregion Hamburg. Mehr...

 

agentur hamburg ecommerce

Nordwirtschaft.de ist erstellt / designed / gehostet von der Hamburger eCommerce Agentur Storetown-Media.de

Ihr Unternehmen benötigt eine Online-Strategie zwecks Marketing und Kundengewinnung/Umsatzsteigerung? Oder einen neuen Online-Shop? Oder gleich Beides?

Nehmen Sie direkt hier Kontakt mit Storetown-Media auf

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.