Hamburgs Pläne für einen neuen Stadtteil, den 105., werden konkret. Die Wettbewerbsverfahren für Oberbillwerder, zweitgrößtes Stadtentwicklungsprojekt nach der Hafencity sind abgeschlossen.

Aus dem Siegerentwurf wird derzeit der Masterplan entwickelt. In dem 124 Hektar Wiesen und Feldern nördlich der S-Bahn-Station Allermöhe im Bezirk Bergedorf im Osten Hamburgs sollen in den nächsten 15 Jahren 7.000 Wohnungen in unterschiedlichen Bautypologien und – in einem Quartiers- und Geschäftszentrum mit Markthalle – wohnverträgliche 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze entstehen.

3.000 Arbeitsplätze bringt allein die neue Infrastruktur. Eine Stadtteilschule und ein Gymnasium mit Schulcampus, zwei Grundschulen, bis zu 14 Kindertagesstätten und 14 Sozialeinrichtungen sehen die Entwürfe vor. Die Flächen von Schul- und öffentlichen Sportanlagen sollen mehrfach genutzt werden können.

Der Senat möchte hier „europaweit Maßstäbe für die Stadtentwicklung“ setzen: Oberbillwerder soll ein Quartier für unterschiedliche, nach Herkunft, Einkommen, Alter und Lebenslage gut gemischte Bevölkerungsgruppen werden und mit Bauprojekten von privaten und städtischen Bauträgern, Genossenschaften und Baugemeinschaften eine lebendige Nachbarschaft schaffen.

Dazu zählen neben Wohnungen auch vielfältige Angebote für Arbeit, Bildung und Freizeit sowie öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität. Autos sollen nur eine Nebenrolle spielen; die existierende Landschaftsstruktur aus geraden Entwässerungsgräben und zwei Sportparks soll den neuen Stadtteil prägen.

Noch ist die dafür vorgesehene Fläche tatsächlich nicht viel mehr als eine große, grüne Wiese, wenig bekannt bei den Hamburgern, aber schon lange im Fokus der Stadtentwickler. Denn in einer Viertelstunde ist man mit der S-Bahn in der Hamburger Innenstadt, in fünf Minuten im Zentrum des etablierten und lebendigen Stadtteils Bergedorf und mit dem Fahrrad soll man – wenn alle Veloschnellrouten ausgebaut sind – bequem in 30 Minuten in die City radeln können.

Foto: Oberbillwerder-HamburgDeshalb macht sich der Senat daran, Stadt an einem ganz neuen Ort zu wagen. Vor zwei Jahren wurde die IBA Hamburg GmbH mit der Entwicklung eines Masterplanes betraut. Der Ideenwettbewerb brachte vier Entwürfe hervor. „The Connected City“, der Siegerentwurf des dänisch-niederländisch- deutschen Planungsteams (Adept Aps, Karres+Brands und Transsolar Energietechnik) fand mit 18:2 Stimmen in der Jury eine breite Mehrheit.

„Die Erfordernisse der besonderen Marschlandschaft werden genauso berücksichtigt wie die Verbindung zu den benachbarten Quartieren“, lobte Bergedorfs Bezirksamtsleiter Arne Dornquast. Es entstünde eine neue Vielfalt, ohne etwas zu zerstören. Familienfreundlich und bezahlbar soll der Stadtteil werden, CO2-neutral und autoreduziert. Die Erschließung hat Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Personennahverkehr in den Fokus genommen. Der Kfz-Verkehr wird über eine Haupt-Ringstraße geführt und über drei Anbindungen an das vorhandene Straßennetz angeschlossen. Öffentliches und privates Parken ist in mehreren Quartiersgaragen vorgesehen, Parkplätze werden aber Mangelware sein. In elf Parkhäusern stehen nur 3.500 Plätze zur Verfügung. Im Ort selbst sollen Autos halten, aber nicht abgestellt werden können. Um den Verkehr zu minimieren, sind vielfältige Mobilitätsangebote auf Quartiersebene und „City Hubs“ zur Anlieferung von Waren und Paketen vorgesehen.

„Es sollen nicht die Gebäude im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen und das Lebensgefühl“, sagt Karen Pein, Geschäftsführerin der IBA Hamburg GmbH. Ende 2018 wurde der Masterplan beendet.

Für die weitere Realisierung hat der Senat im Januar eine zusätzliche Gesellschaft gegründet, die IBA Projektentwicklungsgesellschaft GmbH und Co. KG. Läuft alles nach Plan, kann 2023 mit dem Bau der ersten Wohnungen begonnen werden. Die Grundstücke gehören seit etwa 100 Jahren der Stadt, die Pachtverträge mit den ansässigen Landwirten laufen für den geplanten Baugrund in vier Jahren aus. Ihnen werden jetzt Ersatzflächen angeboten. Die Kritik folgte umgehend – aus der Politik und von Bürgerinitiativen. Kosten und Verkehrsanbindung des neuen Wohngebietes seien ungeklärt. Im Umfeld schwinde die Lebensqualität, ein grünes Paradies werde zerstört.

Der Hamburger Osten soll ein Schwerpunkt der Stadtentwicklung werden. 20.000 Wohnungen und Gewerbebetriebe sind geplant. Rund 80 Kilometer lang sind Bille, Elbe und Kanäle in Hamburgs östlichen Stadtteilen Hammerbrook, Hamm, Billwerder und Rothenburgsort. Dass Wasserlagen Werte schaffen, weiß die Immobilienwirtschaft schon lange Diese – derzeit noch hinter Industrie und Gewerbe gut versteckten – Werte will Hamburg heben.

Mit dem Senatskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ soll der Hamburger Osten ein Schwerpunkt der Stadtentwicklung werden,bis zu 20.000 neue Wohnungen können dort gebaut werden. Platz soll aber auch für moderne Gewerbebetriebe sein.

Die schicke, etwas seelenlose HafenCity vor Augen, ist die Entwicklung, die demnächst über diese Stadtteile rollt, aber vielen unheimlich. Zu ihnen gehört Dorothee Halbrock. Mit ihren Mitstreitern vom Verein „HALLO: Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V“ veranstaltet sie in einem alten Kraftwerksbau Kulturfestivals und betreibt mit der „Schaltzentrale“ ein experimentelles Stadtteilbureau. Auch Antje Stokman, an der HafenCity Universität Professorin für Landschaftsarchitektur ist es ein Anliegen, dass ungenutzte oder verschlossene Orte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und dass das vorhandene Angebot an Kultur, Bildungs und Vereinsarbeit weiterentwickelt wird.

Stokmans Forschungsprojekt mit rund 25 Studierenden arbeitet mit der „Schaltzentrale“ zusammen. Die Teilnehmenden des Projekts kartieren ein etwa 1.000 qm großes Gebiet rund um den Billebogen, meist vom Boot aus. Die ansässige Rudervereinigung hat dafür eine ganze Flotte und auch ihr Gelände nebst Infrastruktur zur Verfügung gestellt, eine Woche haben die Studenten dort gezeltet. Quasi im Vorfeld der Stadtentwicklungspläne soll mit dem Projekt erkundet werden, wo es, ähnlich wie an Alster oder Elbe, öffentliche und nicht-kommerzielle Zugänge an die Wasserlagen gibt, wie man sie erschließen kann und welche Perspektiven es für eine öffentliche Nutzung gibt, so Antje Stokman.

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