Neuer Commerzbank-Sektorbericht Automotive

Cedric Perlewitz, Sektor-Head Automotive der Commerzbank.Die aktuelle Ausgangslage für den Automobilzulieferersektor zeichnet auf allen wesentlichen Weltmärkten im ersten Halbjahr 2019 einen Rückgang der Produktionszahlen (Europa: –5 %, China: –13 %, Nordamerika: –3 %).

Für das Gesamtjahr 2019 erwartet auch das Commerzbank-Research einen Rückgang der globalen Verkaufszahlen um circa 4 %. Dieser Einbruch trifft die wichtige Branche mitten in einem tief greifenden Transformationsprozess, der jedoch auch eine positive Seite hat: „Aufgrund der wirtschaftlichen Eintrübung sehen wir eine Beschleunigung des Strategiewandels in der Automobilzuliefererbranche. Dies betrifft sowohl den Fokus der Investitionen auf die beschleunigte Einführung von E-Autos als Antwort auf die Nachhaltigkeitsbedürfnisse der Kunden als auch – aus Industriesicht – eine CO2-Strategie, um Strafzahlungen zu vermeiden. Denn ab 2020 tickt für die Hersteller die Uhr“, erläuterte Cedric Perlewitz, Sektor-Head Automotive der Commerzbank.

Der deutsche Automobilsektor stellt sich auf die Bedürfnisse der zukünftigen Kundengeneration mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit ein.

Die Hersteller ziehen die Markteinführung von E-Autos vor – auch vor dem Hintergrund des asiatischen Wettbewerbs. „Wir beobachten den Einsatz großer Budgets beim Umstellen von Werken, trotz Unsicherheit hinsichtlich des Zeitpunkts der Transformation, die jedoch längst im Gange ist“, so Perlewitz. „So vermelden viele Zulieferer zunehmend Erfolge bei größeren E-Aufträgen.“ Dem Wunsch von Autokonzernen und Politik, elektrisch angetriebene Fahrzeuge auf dem Massenmarkt zu etablieren, stehen derzeit die noch vergleichsweise hohen Preise gegenüber. „Als Zwischenschritt auf dem Weg dahin wird mittelfristig der Hybrid stehen, also die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor“, so Perlewitz. Die besondere Problematik für kleinere und mittelständische Betriebe besteht derzeit insbesondere darin, Teile für Verbrennungsmotoren in den aktuellen Modellen zu produzieren und gleichzeitig Investitionen in neue Technologien für die E-Mobilität zu tätigen.

Vernetztes und autonomes Fahren, Leichtbau sowie Shared Mobility

Weitere wichtige Treiber der technischen Entwicklung wie auch der Forschung sind das vernetzte und das autonome Fahren (Autonomous Driving „AD“). Bereits 80 % der neu zugelassenen Autos in Deutschland sind bereits vernetzt. In zunehmendem Maße (ADAS2/AD Level 2+) kommen Sicherheits- und Fahrerassistenzsysteme sowie Informations- und Kommunikationssysteme zum Einsatz, bereits auch in Wagen der Kompaktklasse. Vor der Markteinführung autonom fahrender Autos sind hingegen noch hohe rechtliche Hürden zu überwinden. Auch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass der Fahrer über längere Zeit die Steuerung des Autos abgeben kann. Hier entstehen neue Partnerschaften und Kooperationsmodelle mit neuen Marktteilnehmern außerhalb der Autoindustrie, um neue Ökosysteme für AD voranzutreiben. „Die neuen Technologien brechen das traditionelle Machtverhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern auf“, so Cedric Perlewitz.

Aus Sicht von Commerzbank-Research stehen mögliche CO2-Strafzahlungen für die Hersteller als oberster Risikofaktor. Hersteller müssen handeln, um nicht die Hälfte ihrer Gewinne3 durch EU-Geldstrafen zu verlieren. Um die strengeren Emissionsvorschriften zu erfüllen und CO2-Strafzahlungen ab 2020/2021 zu vermeiden, nutzt die Automobilindustrie kurzfristig neben neuen Antriebstechnologien und Software auch alternative Werkstoffe. Leichtere Materialien wie Aluminium, Kunststoff, hochfester Stahl oder Karbon bringen deutliche Vorteile. Die zunehmende Nachfrage nach Carsharing-Angeboten aufgrund neuer Mobilitätsbedürfnisse erlaubt die Etablierung neuer Geschäftsmodelle, insbesondere in den Metropolregionen und Ballungszentren.

Sustainable Financing

Der Strategiewandel bringt gleichzeitig verstärkten Finanzierungsbedarf mit sich, so Commerzbank-Experte Perlewitz. Als ein wichtiges Differenzierungsmerkmal könnte zukünftig Green beziehungsweise Sustainable Financing an Bedeutung gewinnen, wie dies bereits in anderen Sektoren (Versorger, Immobiliensektor, aber auch Industrie) gängige Praxis ist. Die Finanzierungserlöse müssen ausschließlich einem „grünen“ Projektportfolio (zum Beispiel Investitionen in Transformation/neue Werke für E-Bauteile, elektrische Modellreihe) zuzuordnen sein.  „Angesichts des gewaltigen Transformationsprozesses treiben die Strategien der Automobil- sowie Zuliefererindustrie gleichzeitig neue Finanzierungsformen und -quellen an. Bei einer klaren Zuordnung der Investitionen in neue E-Projekte hin erwarten wir, dass solche Finanzierungen im europäischen Automobilsektor an Bedeutung gewinnen. Dadurch erschließen sich Emittenten auch neue Investorenkreise“, so Cedric Perlewitz.

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