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Es war der Tag, vor dem die britische Premierministerin Theresa May tränenreich ihren Rückzug ankündigte:

Trafen sich im Anglo-German Club Hamburg: Die Creme de la Creme der deutschen Reisewirtschaft.Foto: Michaela KuhnAn der Hamburger Außenalster, im vornehmen Anglo-German-Club, traf sich die Creme de la Creme der deutschen Reise-Wirtschaft auf Einladung des Versicherungsunternehmens HanseMerkur zum „8. Reisegipfel“. Nach einer Alsterdampfer-Fahrt und vor dem Dinner hörten die Reise-Experten Neues zum gegenwärtigen britischen Politdrama. Speaker des Abends war Alexander Menden, Kultur-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Menden, der als einer von etwa drei Millionen EU-Ausländern selbst zehn Jahre mit seiner Familie in London gelebt hat, ist wieder nach Deutschland gezogen – wegen der schon heute spürbaren Folgen der sich seit bereits drei Jahre hinziehenden Brexit-Verhandlungen. Menden: „Großbritannien befindet sich in einer fundamentalen Existenzkrise. Der Brexit zeitigt einen wildgewordenen britischen Zeitgeist. Die Europäische Union wird auf der Insel als Feind der Freiheit verstanden.“

 

Interview Alexander Menden

Sie sind als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung 2004 mit Ihrer Frau Melanie, die als Kinderärztin im National Health Service arbeitete, nach London gezogen, wo auch Ihre drei Söhne Konrad, Leander und Karl geboren sind. London war für Sie Ihr Zuhause, die Kinder haben die britische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Familie Menden war bestens integriert und packte doch 2018 die Koffer, um nach Deutschland zu ziehen. Was waren Ihre Beweggründe?

Der Hauptgrund war natürlich der Brexit selbst bzw. die Entscheidung des Referendums. Und damit die Tatsache, dass aus uns über Nacht Bürger zweiter Klasse geworden waren. Meine Frau hatte schon vorher angekündigt, dass sie nicht mehr nach einem britischen EU-Austritt in London leben wollte. Es war uns relativ schnell klar, dass der Prozess keinen guten Ausgang haben würde. Auch für unsere Kinder wäre es bei weiterem Verbleib in England schwieriger geworden, sie in ein Leben in Deutschland zu integrieren. Zudem hatten meine Frau und ich beide Jobs, in denen wir glücklicherweise weiterarbeiten konnten. Wir haben uns schon sehr intensiv gefragt, was es für die Kinder bedeutet, aus ihrem Geburtsland fortzu-ziehen. Wir gingen ja nicht, – wie man uns immer sagte – zurück nach Hause. Nein, unser Zuhause war London und ich empfinde es immer noch so. Wenn ich jetzt an die Themse fahre, ist es absolut surreal und bizarr, dass man nicht in die U-Bahn steigt, in die man 14 Jahre lang gestiegen ist, um nachhause zu fahren. Das war keine leichte Entscheidung, aber den veränderten Umständen geschuldet.

Heinz-Gerhard Wilkens, HanseMerkur im Gespräch mit Alexander Menden, Kultur-Korrespondenz der Süddeutschen Zeitung. Foto:Michaela Kuhn Sie haben als Kulturkorrespondent in Großbritannien gearbeitet und das in „The Guardian“ einmal als „the best job imaginable“ bezeichnet. Sie konnten vom Turner Prize oder den Rolling Stones berichten. Aber Ihre Analyse von Britpop und Cool Britannia ist überaus kritisch. Konnte man auch in der Kultur sehen, dass sich ein Land für die Brexit-Idee zu erwärmen begann?

Es ist kein Zufall, dass die Gallagher-Brüder von Oasis für den Brexit sind. Auch Morrissey hatte immer schon faschistoide Tendenzen, sowohl ausländerfeindliche als auch rassistische. Diese laddishness, diese Selbstbezogenheit, dieses in die Union Flag Einwickeln. Das hatte vor Cool Britannia – ein furchtbarer Begriff (!) – ein Geschmäckle von British National Party und Fußball Hooligans. Jetzt wurde es plötzlich salonfähig und hieß nun „cool“. Ich war nie ein großer Fan von Britpop und dem Lautsprecherischen, den Stadionhymnen. Ich mochte Blur, aber die waren auch Middle-Class im Gegensatz zur Working Class-Verankerung von Oasis. Letzte Woche habe ich den chinesischen Künstler Ai Weiwei getroffen, der treffend sagte: „Der Intellektuelle ist überall heimatlos.“

War der Ausgang des britischen EU-Referendums am 23. Juni 2016 für Sie eine Überraschung?

Nein. Auch bei Trump war ich nicht so überrascht, nur der Brexit ist schädlicher, weil das Ergebnis permanent ist. Ich hatte immer große Bedenken, ob das gut geht, erwartete einen sehr, sehr engen Ausgang. Ich habe mit meinem Londoner SZ-Kollegen um eine teure Flasche Aberlour Whisky gewettet und gesagt: „Die gehen raus.“ Aber es hat mich doch einige Zeit gekostet, bis ich diese Flasche dann öffnen konnte. Wegkippen hätte ja auch nichts gebracht. Schließlich wollten die Schotten ja in der EU bleiben. Ein Referendum ist eine Pandora-Büchse. Die Mitgliedschaft in der EU ist wie der Deckel auf einem Drucktopf. Wenn man, wie ich, oft auch außerhalb von London recherchiert hat, kam man sehr schnell mit vielen Leuten in Kontakt, die die EU für alles verantwortlich machten. Und insofern war ich über das Brexit-Referendum nicht so überrascht.

Wie haben Sie und Ihre Familie die zwei Jahre danach erlebt, bis Sie – wie Sie schreiben – „das einzige Heim, das wir je als Familie gehabt hatten, für immer verlassen“ haben?

Es war eine extrem angespannte Zeit, in der auch die berufliche Situation erstmal geklärt werden musste. Meine Frau hatte ihre gesamte Facharztausbildung in Großbritannien gemacht. Ab 2017 aber hatten wir ein Gefühl der Übergangszeit, ein Schwebezustand, der auch mit Zukunftsangst und Bedrücktheit verbunden war. Eigentlich habe ich es immer noch nicht so ganz erfasst, dass da passiert ist. Selbst als ich beruflich das letzte Mal dort war, war es, als wäre ich zuhause, aber gleichzeitig auch nicht. Ein unangenehmer, deprimierender und desorientierender Zustand.

Wie fühlt es sich an, ein Leben in der norddeutschen Provinz nach 14 Jahren in einer der vielleicht attraktivsten Metropolen dieser Welt? Womit beschäftigt sich ein inselvertriebener Kulturkorrespondent heute?

Ich bin jetzt für die Süddeutsche Zeitung zuständig für Nordrhein-Westfalen, obwohl ich Osnabrück lebe, also genau an der Grenze zu NRW. Dieses Bundesland bietet als Ganzes ebenfalls genauso viel wie London, jedoch nicht in der Ballung. In England kamen alle zu mir: Meryl Streep oder Scarlett Johannson. Ich lebte Luftlinie 800 Meter von den Abbey Road Studios entfernt. Der beste Job der Welt war Kulturkorrespondent in London. Dabei bleibe ich auch. Plötzlich steht in einer Gallerie Dustin Hoffman hinter einem oder man trifft Emma Thompson in der
U-Bahn. Das passiert einem nicht in Osnabrück.

Jetzt pendele ich zwischen einer Goethe-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle und einem Verbliebenentreffen der Beethovens. Dann geht’s zu einer Premiere im Dortmunder Schauspielhaus. Grad habe ich in Düsseldorf eine Stunde mit Ai Weiwei gesprochen. Die SZ öffnet immer noch alle Türen. Ich lerne über die Bauhaus-Geschichte von Krefeld, in Lichtenau bei Paderborn habe ich ein Museum für Klostergeschichte entdeckt. Und es ist toll, dass ich von Amsterdam genauso weit weg wohne wie von Köln. Also: es gibt weiß Gott schlimmere Jobs!

Der 29. März 2019 als Stichtag für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ver-trichen. Die nächste Brexit-Frist ist der 31. Oktober. Theresa May war eine Premierministerin auf Abruf, gejagt von ihrer eigenen Partei, vom 1922 Committee, von Hasardeur und Rumpelstilzchen Boris Johnson und Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei, um nur einige zu nennen. Die Gespräche mit der Labour Party sind gescheitert. Sogar ein Hard Brexit ohne Deal steht im Raum. Wie konnte es zu einer derart verfahrenen Situation kommen?

 Es ist das Endergebnis einer langen Entwicklung, in der die EU immer der Sünden-bock für alles war. Sowohl in den Medien als auch in der Politik. Natürlich gab es auch kriminelle Machenschaften der Leave-Kampagne. Da ist nicht nur Geld geflossen. Es gab auch gezielte Desinformation. In allererster Linie aber war es David Camerons Schuld. Ein Spieler und Eton-Zögling, der wie immer dachte, er gewinnt die Abstimmung wie beim Schottland-Referendum. Hat er aber nicht und stattdessen die Pandora-Büchse geöffnet und sich dann verabschiedet. Der schlechteste Premierminister aller Zeiten! Wir haben jetzt eine Situation im Unterhaus, wo in zwei Fraktionen die Extremisten die Parteien übernommen haben. Die European Research Group treibt Theresa May vor sich her und bei Labour haben die Trotzkisten/Stalinisten um Jeremy Corbyn das Ruder über-nommen. Corbyn kommt aus der Schule von Tony Benn, der ein ganz dezidierter EU-Gegner war. Die EU wird als neoliberales Projekt abgelehnt.

Das Zwei-Parteien-System, bedingt durch das Mehrheitswahlrecht, schließt etwa die Liberal Democrats und die Greens aus. Das Ergebnis ist Britlock. Und wir steuern im Oktober wieder auf einen No Deal zu. Da waren wir schon einmal im März. Damals wurde es nur verhindert durch die Großzügigkeit der EU. Aber egal, wie es kommt: die EU wird immer schuldig sein. Aber irgendwann muss die Europäische Union die Reißleine ziehen. Es kann nicht sein, dass der Brexit immer wieder Thema bei EU-Gipfeln ist. Wenn Angela Merkel nicht mäßigend auf Emmanuel Macron eingewirkt hätte, dann wäre das Thema bereits im März beendet gewesen. Die Briten, die so tun, als hätten sie den Prozess noch in der Hand, haben unilateral nur noch eine einzige Chance. Aber dann müssten sie den Artikel 50 des EU Vertrags (Austritt eines Mitgliedstaats) zurückziehen.

Halten Sie ein zweites Referendum in dieser Zeit der Diadochenkämpfe und eines tief gespaltenen Landes noch für möglich? Oder ist es vielleicht ein kontinental-europäisches Wunschdenken, dass die Remainers dann final doch noch den Sieg davontragen könnten?

Ein zweites Referendum halte ich für sehr unwahrscheinlich, da es dafür im Parlament keine Mehrheit gibt. Das haben ja auch schon die Testwahlen im House of Commons gezeigt. Das Referendum hatte eine binäre Frage gestellt zu einem unfassbar komplexen Thema. Es hätte niemals stattfinden dürfen. Zudem war es ein nicht bindendes („advisory“) Referendum. Es hätte nicht umgesetzt werden müssen. Aber es ist die Taktik aller populistischen Bewegungen, den sogenannten „Willen des Volkes“ umzusetzen. Die Tory-Fraktion ist ja bereits die inoffizielle UKIP-Fraktion. Man muss sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass Maggie Thatcher pro-europäisch war und für „Remain“ gestimmt hätte. Die EU-Wahl ist ein Kuriosum, da sie gar nicht stattfinden sollte. Jetzt wurde sie abgehalten unter Bedingungen, die absurder kaum sein könnten. Jetzt gerieren sich Millionäre wie Nigel Fararge und Jacob Rees-Mogg als Anti-Establishment-Figuren und Hard-Brexiteers.

Wäre ein Brexit – in welcher Form auch immer – nicht vielleicht auch das Ende des Vereinigten Königreichs? Die Schotten, die zu 62 Prozent gegen den Brexit gestimmt haben, sollen von ihrer Regierung die Chance zu einem zweiten Unab-hängigkeitsreferendum bekommen.  

Es könnte sehr gut England plus Wales übrigbleiben. Das Ergebnis des ersten schottischen Unabhängigkeitsreferendums kam auch deshalb zustande und ging zugunsten der Union aus, weil viele Angst hatten, dass Schottland nicht mehr in die EU hineingelassen würde. Jetzt sehen die Schotten, dass sie, weil sie im Vereinigten Königreich geblieben sind, von den Engländern aus der EU gezerrt werden. Deshalb glaube ich, dass die Chancen für den Erfolg eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums durch die Brexit-Entscheidung deutlich gestiegen sind. In Nordirland wittern jetzt die Republikaner Morgenluft, weil sie glauben, dass die Chancen auf eine irische Wiedervereinigung gestiegen sind. Es lauert ein potentieller Bürgerkrieg im Hinterhof. Wer hat Lust, sich wieder mit der IRA auseinanderzusetzen? Das United Kingdom of England and Wales ist durchaus eine Option für die Zukunft. Aber was ist damit gewonnen? Für die Missachtung der Meinungen in den Regionen wird dann ein hoher Preis bezahlt.

 

 

 

 


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