Commerzbank: Internationalisierung als strategischer Trend

Berthold Bonanni, Leiter des Bereichs Energie (CoC Energy) der Commerzbank AG.Unmittelbar vor Eröffnung der Husum Wind Mitte September veröffentlicht die Commerzbank ihre Markteinschätzung im Hinblick auf die Windenergiebranche. Nachdem der Windenergiegipfel im Wirtschaftsministerium vor wenigen Tagen ohne Ergebnisse blieb, guckt die Branche gespannt umso mehr in den Norden. Neben der Präsentation von Innovationen und dem Transfer von Know-How dürften die Diskussionen geprägt sein von der aktuellen Krise der Branche. Nach dem Einbruch beim Bau neuer Windkraftanlagen steht die Windenergiebranche unter extrem starken Druck: „Wenn wir in Deutschland unsere Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir die Windenergie in Deutschland deutlich ausbauen. Gleichzeitig ist es ein Muss für alle Akteure im Markt, sich international aufzustellen, um im Ausland neue Märkte zu erschließen und kostengünstiger produzieren zu können“, erläuterte Berthold Bonanni, Leiter des Bereichs Energie (CoC Energy) der Commerzbank AG.

Onshore

Der globale Windmarkt befinde sich weiterhin auf dem Wachstumspfad, allerdings mit deutlichen regionalen Schwankungen, so der Expert. So erwartet die Commerzbank bis 2020 einen Anstieg des weltweiten jährlichen Zubaus im Onshorebereich von 46 Gigawatt (GW) im Jahr 2018 auf bis zu 68 GW. Für die Jahre 2021 bis 2028 schwanken die jährlichen Prognosewerte dann auf hohem Niveau zwischen 57 GW und 63 GW Zubau pro Jahr. Die Volatilität ist primär begründet in regulatorischen Änderungen, wie zum Beispiel dem Wegfall von staatlicher Förderung in den USA oder China ab 2021.

Insbesondere in Deutschland hat die Einführung und Aufhebung des Bürgerenergieprivilegs im Rahmen des mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2017 neu eingeführten Auktionsverfahrens zu Verwerfungen in den aktuellen Ausbauvolumina geführt. Insgesamt fehle dem Markt rund zwei Milliarden Euro Investitionssumme pro Jahr.

Zudem besteht ein Genehmigungsstau, der sowohl aus einer großen Anzahl von Anträgen als auch aus zunehmenden Klagen bzw. Einsprüchen resultiert. So wurden im ersten Halbjahr 2019 bisher nur 287 Megawatt (MW) (–82 % im Vergleich zu H1/2018) an zuvor auktioniertem Volumen realisiert. Von den in Betrieb genommenen 86 Anlagen wurden nur 27 – 33 % der neu installierten MW – in Norddeutschland errichtet (Niedersachen: 14, Mecklenburg-Vorpommern: 11, Schleswig-Holstein 2, Hamburg/Bremen: 0). Deutsche Turbinenhersteller, Zulieferer und auch Projektierer geraten hierdurch zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.

Mit Blick auf das erwartete geringere Geschäftspotential im Inland hat die Commerzbank bereits in den vergangenen Jahren die internationalen Aktivitäten ausgeweitet und vermehrt Transaktionen im Ausland z.B. in den USA, Skandinavien, Spanien und Chile begleitet.

Wachstumstrend Offshore

Sehr viel positiver sieht die Commerzbank die Entwicklung im Offshore-Bereich. Hier wird ein durchschnittlicher Zuwachs von 15 Prozent in den kommenden 10 Jahren erwartet wird (von aktuell 4,3 GW auf dann 19,1 GW). Die Commerzbank, die bisher im Offshore-Segment ihre Schwerpunkte in Deutschland, Benelux, Großbritannien und Frankreich hatte, sieht neben einem weiteren Geschäftsausbau in Europa große Chancen in den USA, wo schon seit Jahren ein lokales Team in New York etabliert ist. Auch bezüglich Asien, insbesondere in Südkorea, Japan und Taiwan, wo man bereits eine erste Offshore-Finanzierung begleitet und eine weitere, vielversprechende Transaktion prüft, ist man zuversichtlich.

Langfristige Stromlieferverträge

In vielen Märkten wie in den USA, Skandinavien oder Spanien sichern Projekte Ihre Stromerlöse zunehmend über PPAs (Power Purchase Agreements/langfristige Stromlieferverträge). Neue Projekte auf PPA-Basis erwartet die Commerzbank in Deutschland aktuell nur bei Photovoltaik-Großanlagen, die nicht EEG-förderfähig sind. Tendenziell sinkende Vergütungssätze und fallende Stromgestehungskosten für erneuerbare Energien lassen PPAs attraktiver werden. Insbesondere die Erwartung steigender Strompreise bietet für industrielle Stromkunden eine Möglichkeit, sich heute langfristig mit (grünem) Strom einzudecken. Nachhaltigkeitsbestrebungen der Unternehmen erhöhen die Nachfrage nach grünen PPAs. Um solche langfristigen Stromabnahmeverträge mit Laufzeiten von 10 bis 15 Jahren als Grundlage für Projektfinanzierungen nutzen zu können, kommen allerdings nur Stromabnehmer mit guten Bonitäten in Frage.

 „Das Erreichen politischer Ausbauziele ausschließlich auf Basis von PPAs erscheint aus heutiger Sicht aufgrund der begrenzten Nachfrage mit guten Bonitäten unrealistisch. Um den dringend erforderlichen Ausbau der erneuerbaren Energien zu festigen und die Klimaziele zu erreichen, sind sie als Ergänzung zu einem Förderregime, welches auch für eine gesellschaftlich erwünschte Akteursvielfalt Vorteile bringt, aber sinnvoll“, so Bonanni.

Die Commerzbank AG mit ihrem Competence Center Energy (Hauptsitz Hamburg) ist einer der führenden Finanzierer von erneuerbaren Energien mit einem Kreditvolumen von rund 4,9 Mrd. Euro in Projektfinanzie­rungen und rund 0,9 Mrd. Euro an Unternehmensfinanzierungen. Die Commerzbank hat rund 15 % der Windkapazität in Deutschland finanziert.

 

 

 

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